Erinnerungen an Prof. Dr. Schwänzl

Wenn ich an Roland Schwänzl denke, habe ich einen verschneiten Abend in Osnabrück vor mir. Roland holte mich vom Bahnhof ab und wir aßen zusammen in einem sonst leeren Restaurant und sprachen über den kommenden Workshop und über unsere Familien. Seine Tochter bereitete sich auf eine Aufführung vor und er lächelte sein scheues Lächeln – ein Vater, der dankbar war trotz der vielen Dienstreisen seine Tochter auftreten zu sehen.“

So schreibt Dr. Stuart Weibel vom Online Computing Library Center in Dublin Ohio.

Roland Schwänzl studierte in Saarbrücken Mathematik und Physik. Ein Jahr vor dem Examen folgte er seinem späteren Doktorvater Tammo tom Dieck an die Universität Göttingen. In die Arbeitsgruppe Topologie der Universität Osnabrück kam er 1976. Die Beteiligung am Sonderforschungsbereich über “Diskrete Strukturen in der Mathematik” brachte ihn 1989 als Gastdozenten an die Ohio State University in Columbus, Ohio. Neben seinen Forschungsarbeiten in der algebraischen Topologie lernte er dort die Vorzüge von vernetzten Computern kennen und schätzen.

Nach seiner Rückkehr nach Osnabrück initiierte und organisierte er deshalb den Aufbau eines Unix basierten Computernetzes in der Lehreinheit Mathematik. Obwohl einige Kollegen Bedenken hatten, ob ein “reiner Mathematiker” dieser Aufgabe gerecht werden kann, ist diese mittlerweile selbstverständliche Infrastruktureinrichtung noch heute eine der zuverlässigsten und leistungsfähigsten Local Area Networks (LANs) der Universität und der mathematischen Fachbereiche in Deutschland.

Nicht nur für die Lehreinheit Mathematik war die Einrichtung eines LANs ein Wendepunkt. Prof. Schwänzl konnte sich wegen der vorhandenen Computerinfrastruktur an einem Fachinformationsprojekt der mathematischen Fachbereiche in Deutschland federführend beteiligen. So wurde er zu einem der Väter des Math-Net, einer Initiative der International Mathematical Union, zur Verbesserung der Information und Kommunikation in der Mathematik. Als Vorsitzender des Technical Advisory Boards trieb er die Entwicklung von Math-Net voran. Gleichzeitig engagierte er sich in der Kommission für Information und Kommunikation (IuK) der wissenchaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland, deren Vorsitz er von 2000-2004 übernahm.

An der Universität Osnabrück gründete er die Arbeitsgruppe Wissenschaftliche Information und den internationalen Masterstudiengang „Information Engineering“, der gemeinsam mit der Universität Twente angeboten und erfolgreich durchgeführt wird. Seine StudentInnen und MitarbeiterInnen schätzten nicht nur sein fachliches Engagement und seine Kompetenz, sondern auch seinen persönlichen Einsatz und seinen Rat beim Lösen von alltäglichen Problemen wie Wohnungssuche oder die Beantragung und Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigungen oder Arbeitserlaubnis.

Prof. Schwänzl warb mit seiner Arbeitsgruppe einen Großteil der Drittmittel in der Lehreinheit Mathematik ein. Dabei kooperierte er mit großen Bibliotheken (SUB Göttingen, Die Deutsche Bibliothek, Frankfurt), Fachinformationszentren (FIZ Karlsruhe, IZ Sozialwissenschaften, Bonn) und anderen Universitäten. Aus diesem überregionalen Wirken entstand das Institut für wissenschaftliche Information e.V. dessen Gründer und Vorsitzender Prof. Schwänzl war. So prägte er die wissenschaftlichen Informations- und Kommunikationsstruktur durch theoretische Ansätze, die er in seinen Projekten auch prototypisch realisierte und auf Tagungen, Schulungen und Kongressen weitergab.

Schon früh erkannte Prof. Schwänzl die Bedeutung von Metadaten für die inhaltliche Erschließung von Internetdokumenten. So präsentierte ich als seine Mitarbeiterin den Suchdienst MPRESS (Mathematics Preprint Search Service) auf einem Workshop der Dublin Core Metadata Initiative. Es stellte sich heraus, dass dieser Dienst die erste Implementation des damals in Entwicklung befindlichen Dublin Core Metadata Sets war. Roland Schwänzl wurde daraufhin schnell in den Vorstand der Dublin Core Initiative berufen. Über seine Arbeit schreibt der Vorsitzende der Initiative, Dr. Stuart Weibel: „Roland kämpfte entschlossen für seine Ideen und investierte substantielle, intellektuelle Arbeit, um die Initiative zu fördern. Er nahm dabei seine Führungsrolle in diesem Standardisierungbereich sehr ernst. (...) Wir bemühten uns immer, ihn bei Laune zu halten. Wohl wissend, wenn Roland mit seiner mathematischen Genauigkeit dachte, es gäbe ein Problem oder da sei ein Fehler, dann war dies höchstwahrscheinlich der Fall.“

Am 29. Juli 2004 starb Prof. Roland Schwänzl nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 52 Jahren.

Judith Plümer

IuK-Kommission der wissenschaftlichen Fachgesellschaften

Dublin Core Metadata Initiative

K-Theory and Topology Mailing List

International Mathematical Union